
Putins Deserteur
Neuanfang. Wenn das blutende Rot die weiße Hoffnung ertränkt, hilft keine Blauäugigkeit mehr. Warum das Leben im Krieg zum inneren Konflikt wird. Ein Ausweg.
Andrej, russisch für „der Starke“, war lange genau das. Jetzt muss er es nicht mehr sein. Trotzdem scheint er noch immer eine gewisse Unerschrockenheit innezuhaben. Ob ihm diese wissentlich oder unbewusst eigen wurde, bleibe dahingestellt. Sicher ist nur, dass seine Tapferkeit ihn in seinem turbulenten Leben vor Schlimmerem bewahrte. Deshalb soll er in dieser Reportage so heißen.
Heute ist Andrej 19 Jahre alt. Doch er ist kein typischer Neunzehnjähriger. Er macht nicht wie andere in seinem Alter gerade die Matura, oder bestreitet den Grundwehr- oder Zivildienst, wie es in Österreich für Männer Vorschrift ist. Andrej ist auch in keiner Selbstfindungsphase. Zumindest würde er es nicht so bezeichnen. Für sein Alter wirkt er dennoch reifer als andere; er ist umsichtig und ständig auf der Ausschau nach einer neuen Herausforderung. Denn ihm ist bewusst, dass er so ziemlich alles meistern kann.
Auf den ersten Eindruck erscheint Andrej ein wenig abgebrüht. Möglicherweise ist das der Militärschule in Russland geschuldet. Vielleicht erklärt die auch seine Art, nicht aufzufallen. Dafür gibt es im Umkehrschluss wenig, was Andrej nicht auffällt. Seine Neugierde, gepaart mit einer beachtlichen Anpassungsfähigkeit, hat er sich zur Stärke gemacht. Sie brachte ihn dorthin, wo er heute ist.
Seine neue Heimat ist die österreichische Alpenhauptstadt Innsbruck. Es ist keine Wahlheimat. Hätte Putin keinen Krieg gegen die Ukraine begonnen, hätte Andrej Innsbruck wohl nie zu Gesicht bekommen. Gleichzeitig war es keine klassische Flucht, bei der Andrej nach Österreich gelangte – sondern: Fahnenflucht. Mit seinem näher rückenden achtzehnten Geburtstag holte ihn brüsk die Realität ein. Welches Schicksal ihn in Russland getroffen hätte liegt auf der Hand. Ein Land im Krieg zögert nicht lange, wenn die Kampfkräfte knapp werden. Eine der ersten, die als Personalnachschub rekrutiert werden, sind junge Männer, insbesondere jene mit Militärbezug. Selbst Schüler einer Militärschule fand sich Andrej plötzlich in einer misslichen Lage wieder. Als Putin im September 2022 eine Teilmobilisierung ankündigte, war für Andrej klar: Er muss Russland verlassen.
Von außen betrachtet war die Militärschule eine harte Zeit – Andrej spricht jedoch nicht ungern davon. Das Leben war eintönig, aber strapaziös. Kein Wunder: Neben der gewöhnlichen Schulbildung wurde täglich trainiert. Der Alltag in der Militärschule folgte einem strikten Muster. Im Unterschied zu gewöhnlichen Schulen gab es militärisch geprägte Fächer und Praxisübungen, gelegentlich auch draußen, mit Waffenattrappen, bei Plus- wie bei Minusgraden. Andrej ist einigermaßen froh darüber. Sonst wäre ihm vermutlich nicht vollends klar geworden, auf was er sich im Kriegsfall einlassen würde.
Nach dem Abschluss der Schule ist man in Russland dazu verpflichtet, in den Grundwehrdienst einzutreten. Dort erhält man eine einjährige Ausbildung. Wer diese absolviert, wird automatisch in die russische Militärreserve aufgenommen. Andrej hatte Glück: Der Krieg war zwei Jahre vor seinem Schulabschluss ausgebrochen. Im Gegensatz zum österreichischen Schulsystem ist das russische um ein Jahr kürzer ausgelegt. Andrej schloss die Schule also bereits mit siebzehn ab. So konnte er nach Bekanntwerdung der Teilmobilisierung noch vor seiner Einberufung zum Grundwehrdienst im Sommer 2024 in den Urlaub fahren. Es sollte kein Urlaub werden.
Die russische Reserve besteht aus zwei Stufen. Die erste umschließt etwa zwei Millionen Russen, die sich vom Verteidigungsministerium ein Gehalt auszahlen lassen. Sie müssen ihre militärischen Basisfähigkeiten aufrechterhalten und können im Kriegsfall einberufen werden. Die sogenannte inaktive Reserve umfasst 18 bis 20 Millionen Menschen, die in der Vergangenheit bereits militärische Erfahrung gesammelt haben. Sicherlich sind damit Absolventen des Grundwehrdienstes gemeint, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die früheren Schüler der Militärschulen.
Mit seinem Teilmobilisierungserlass, der einer Einberufung der zweiten Stufe der Reserve gleichkam, erhöhte Putin den Druck auf die militärfähigen Männer des Landes im Herbst 2022 massiv. Militärfähig sind in Russland grundsätzlich alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren. Weil sich viele nicht mehr sicher waren, ob sie bald für Russland in den Krieg ziehen müssten, löste die Teilmobilisierung Ende 2022 eine große Auswanderungswelle aus. Im Laufe der nächsten zwei Jahre sollen mindestens 650.000 Menschen das Land verlassen haben. Die meisten verteilten sich auf die Nachbarländer, Israel und die Türkei. Nur wenige kamen nach Europa. Der Grund: Kriegsdienstverweigerung reicht in fast allen Mitgliedstaaten (inklusive Österreich) nicht für politisches Asyl aus. Zusätzlich schlossen sich bald die Grenzen zu Russland. Doch der Krieg tobte weiter. Mit ihm stieg die Notwendigkeit, neue Soldaten zu rekrutieren. Etwa 1.000 pro Tag waren es allein im Jahr 2025. Bei 350.000 Toten und Verletzten auf russischer Seite pro Jahr, reicht das gerade mal aus, um die hohen Verluste zu decken.
Andrej bekommt all das nur noch aus zweiter Hand mit. Sein Vater blieb in Russland und versorgt ihn wöchentlich mit aktuellen Informationen zur Lage des Krieges. Andrej ist froh darüber – er vertraut seinem Vater mehr als der teils propagandistischen Medienlandschaft Russlands. Mit seiner Mutter trat er erst vor Kurzem wieder in Kontakt. Nachdem sich seine Eltern geschieden hatten, als er noch ein Kleinkind war, blieb er beim Vater. Die Mutter verließ bald darauf mit ihrem neuen Mann Russland. Und zog nach Innsbruck. Also ging es im Sommer 2024 für Andrej mit dem Zug von St. Petersburg über Tallinn, Warschau und Berlin nach Österreich. Auf der gut zweitägigen Reise musste er auch weite Strecken mit dem Bus zurücklegen. Obwohl die Reise zehrend war, hatte Andrej mit seiner Verwandtschaftsverbindung in Innsbruck großes Glück. Seine Mutter hielt hier bereits einen gültigen Aufenthaltstitel. In Russland ist es üblich, dass sich die Eltern das Sorgerecht teilen. So konnte Andrej kurz nach seiner Ankunft in Österreich ohne große Probleme sein eigenes Aufenthaltsrecht als Angehöriger der Mutter beantragen.
Das Wiedersehen mit seiner Mutter nach so langer Zeit bezeichnet Andrej als ein eigenartiges Erlebnis. Ihm wurde schnell klar, dass er nun auf sich allein gestellt war. Mit der Erkenntnis kam er erstaunlich gut zurecht. Er wollte sein eigenes Ding machen. Also mietete er sich mit dem Geld, das ihm sein Vater anfangs monatlich schickte, in einer Jugendherberge ein und bewarb sich im Rahmen des „Freiwilligen Sozialen Jahres“ bei der Rettung – eine intelligente Vorgehensweise, wie sich zeigen sollte. Er bekam eine Ausbildung und Geld. Ein guter Anfang in einem Land, in dem er sonst wohl nicht so leicht einen beständigen Job gefunden hätte. Leicht war die Zeit dennoch nicht, denn von seinem FSJ-Verdienst allein kam Andrej kaum über die Runden. Also begann er am Wochenende zusätzlich in einem Club hinter der Bar auszuhelfen. Diesen Job bezeichnete er als einen guten Ausgleich zum Rettungsalltag. Dort kam er zum ersten Mal mit DJs in Kontakt und fand ein neues Interesse: Musik. Doch auch das Rettungswesen brachte seine Vorteile mit sich. Im regen Austausch mit Menschen schärfte Andrej zum einen seine Deutschkenntnisse. Andererseits etablierte er sich durch seine Tüchtigkeit rasch als gern gesehener Mitarbeiter. Nach dem Verstreichen der zehn Monate des FSJ bot die Rettung Andrej an, als Hauptamtlicher Sanitäter zu bleiben – bei normalem Verdienst. Andrej nahm an. Und das erste Mischpult ließ nicht lange auf sich warten.
Heute ist auf den ersten Blick nicht mehr viel von seiner Jugendzeit in Russland übriggeblieben, von der er die meiste in der Schule verbrachte. Bis auf sein Haar, das er seitdem immer noch im Militärschnitt trägt. Doch ein längeres Gespräch lässt erkennen, dass die Ausbildung ihm auch anderwärtige Prägungen hinterlassen hat. Allen voran: Disziplin und eine dicke Haut. Ohne diese Qualitäten hätte er sich zweifellos nicht, oder zumindest nicht so schnell, in Österreich zurechtgefunden. Denn obwohl Andrej Österreich als herzhaft bezeichnet, haben es Ausländer hierzulande oft nicht leicht. Über die Problematik der Integration wird vonseiten der Politik meist lieber geredet, als dass konkrete Schritte zur Umsetzung unternommen werden.
Andrej wartete nicht auf die Politik. Zügig verstand er die Möglichkeiten, die die aktive Teilhabe am Leben im Land mit sich bringen kann. Er wollte dazugehören und seine eigene Zukunft mitbestimmen.
Knapp zwei Jahre nach seiner Ankunft in Österreich fällt sein russischer Akzent kaum noch auf. Nur äußerst selten enttarnt ihn ein kleiner Grammatikfehler als Zugezogener. Was die Zukunft für ihn bringen soll? „Ich würde gerne auflegen und selbst Events veranstalten. Ich weiß, dass viele Ausländer hier in ihren eigenen Gruppen eine Gemeinschaft suchen. Partys sind ideal dafür.“ Das sagt er mit einer für ihn üblichen Selbstsicherheit, nicht ohne ein verschmitztes Grinsen auf den Lippen. Kennengelernt habe er schon viele Ausländer hier; einer seiner neuen Freunde mietet Locations an, in denen er Events veranstaltet. Er will Andrej das Geschäft beibringen. „Was kann da also schon noch schiefgehen?“ Bei seiner Einstellung – nicht viel. Denn wenn es einer schafft, erfolgssicher zur Tat zu schreiten, dann Andrej.
M. Joshua Maier